Materialbewertung in SAP MM: Standardpreis vs. gleitender Durchschnittspreis (UC_MM)
Wenn du dich auf die SAP Material Management Anwenderzertifizierung (UC_MM_S42023) vorbereitest, ist die Materialbewertung einer der konzeptuell anspruchsvollsten Themenblöcke. Sie verbindet die operative Welt der Bestandsführung (Wareneingang, Warenausgang) mit der Finanzbuchhaltung (Bestandskonten, Preisdifferenzen, WE/RE-Verrechnungskonto). Wer die Buchungslogik versteht, beantwortet einen großen Teil der Bewertungsfragen automatisch richtig.
In diesem Artikel arbeiten wir die Materialbewertung Schritt für Schritt durch — direkt aus dem offiziellen SAP-Schulungsbuch S4500 (Geschäftsprozesse in SAP S/4HANA Sourcing and Procurement, Col26), Kapitel 4 Lektion 4 „Materialbewertung analysieren".
Was du laut Zertifizierungsleitfaden wissen musst
Aus dem offiziellen Leitfaden UC_MM_S42023 (Version 12/2024 V24.01):
- Buchungscode: UC_MM_S42023
- Softwarekomponente: SAP S/4HANA 2023
- Quellen-Bücher: S4500_26 und S4520_26
- 60 Fragen, 90 Minuten
- Bestehensgrenze: 55 % | mit Auszeichnung: 75 %
- 5 Jahre gültig
Themengebiete-Gewichtung:
- Bestellabwicklung — über 20 % (+++) der Fragen
- Bezugsquellenfindung — 11-20 % (++)
- Stammdaten — 11-20 % (++)
- Grundlagen — 11-20 % (++)
- Materialbestandbewertung — 1-10 % (+)
- Freigabeverfahren — 1-10 % (+)
- Verbrauchsmaterial — 1-10 % (+)
Die Materialbewertung selbst ist als Themenblock 1-10 % gewichtet — aber das Wissen darüber spielt indirekt in fast jede Frage zur Bestellabwicklung mit hinein, weil jeder Wareneingang und jede Rechnung die Bewertungslogik triggert.
Was ist Materialbewertung?
Aus S4500 (Kapitel 4 Lektion 4): „Die Bestellung wird im SAP-System als Beleg gespeichert. Das Belegprinzip gilt auch für die Bestandsführung und Rechnungsprüfung."
Die Materialbewertung bestimmt, mit welchem Wert ein bestandsführendes Material in der Bilanz erscheint. Bei jedem Wareneingang, Warenausgang oder Umbuchung wird ein Materialbeleg erzeugt — und wenn der Vorgang bewertungsrelevant ist, zusätzlich ein Buchhaltungsbeleg.
Materialbeleg vs. Buchhaltungsbeleg
Aus dem Buch (S. 142): „Beim Buchen einer Warenbewegung (Wareneingänge, Warenausgänge oder Umbuchungen) im SAP-System wird ein Materialbeleg erzeugt. Dieser Materialbeleg dient als Nachweis für einen bestandsverändernden Vorgang."
Und weiter: „Wenn es sich bei der Materialbewegung um einen bewertungsrelevanten Vorgang handelt, wird zusätzlich zum Materialbeleg mindestens ein Buchhaltungsbeleg erzeugt."
Wann ist eine Warenbewegung bewertungsrelevant?
Aus dem Buch: „Warenbewegungen sind bewertungsrelevant, wenn die Finanzbuchhaltung davon betroffen ist. Beispiel: Die Wareneingangsbuchung eines Rohstoffes ins Lager führt in der Regel zu einer Erhöhung des Bestandswerts Ihres Umlaufvermögens. Wird der Rohstoff hingegen nur innerhalb eines Werks umgelagert, so erfolgt keine Buchung im Rechnungswesen."
Konkret: jeder Wareneingang von extern erzeugt einen FI-Beleg — denn der Bestandswert ändert sich. Eine reine Umlagerung von Lagerort A nach Lagerort B im selben Werk dagegen ist nicht bewertungsrelevant — der Bestand bleibt im selben Werk, nur die Lokation ändert sich.
Aufbau Materialbeleg + Buchhaltungsbeleg
Aus dem Buch (Abbildung 65) — Beispiel:
- Materialbeleg Belegnummer 500000757, Datum 06.11.2023, Lieferschein DN-1147. Belegpositionen mit Menge, Material, Werk, Bewegungsart (BwA).
- Buchhaltungsbeleg Belegnummer 5000000642, Datum 06.11.2023, Vorlage DN-1147, Währung EUR. Belegpositionen mit Konto (z.B. 300010 Bestand mit 75+ EUR, 191100 WE/RE-Konto mit 75-).
Wichtige Aussage aus dem Buch: „Material- und Buchhaltungsbeleg werden bei einer Warenbewegung gleichzeitig angelegt." Plus: „Materialbeleg und Buchhaltungsbeleg sind eigenständige, jedoch verknüpfte Dokumente. Sie können den Materialbeleg über die Materialbelegnummer und das Materialbelegjahr identifizieren. Der Buchhaltungsbeleg ist eindeutig über den Buchungskreis, die Buchhaltungsbelegnummer und das Geschäftsjahr identifizierbar."
Wichtige Anmerkung zur Buchungskreisableitung: „Der Buchungskreis, in welchem der Buchhaltungsbeleg gebucht wird, wird automatisch aus dem Werk abgeleitet, in dem die Warenbewegung stattfindet."
Belege bei der Rechnungsprüfung
Aus dem Buch (S. 144): „Wenn Sie mit der Logistik-Rechnungsprüfung eine Rechnung erfassen, dann wird neben dem Rechnungsbeleg (MM-Beleg) ein separater Buchhaltungsbeleg (FI-Beleg) erzeugt."
Vorgänge in der Rechnungsprüfung, die einen MM- + FI-Beleg erzeugen:
- Rechnung
- Gutschrift
- Nachträgliche Belastung
- Nachträgliche Entlastung
Aus dem Buch: „Material- und Buchhaltungsbeleg werden bei einer Rechnungsbuchung gleichzeitig angelegt." Sprich: jeder Vorgang in der Logistik-Rechnungsprüfung schlägt sich automatisch in der Buchhaltung nieder.
Preissteuerung: Standardpreis (S) vs. Gleitender Durchschnittspreis (V)
Im Materialstammsatz (Sicht „Buchhaltung 1") gibt es ein zentrales Steuerfeld: die Preissteuerung. Sie kann zwei Werte annehmen:
- S — Standardpreis — der Materialwert wird mit einem festen Preis bewertet, der konstant über das Geschäftsjahr bleibt. Preisdifferenzen zwischen Standardpreis und Bestellpreis bzw. Rechnungspreis landen auf einem separaten Preisdifferenzen-Konto.
- V — Gleitender Durchschnittspreis — der Materialwert wird bei jedem bewertungsrelevanten Vorgang neu berechnet als gewichteter Durchschnitt aus Bestand und Zugang. Hier gibt es in der Regel keine Preisdifferenzen-Buchungen, weil der Preis immer dem aktuellen Bewertungspreis entspricht.
Welche Steuerung wann verwendet wird, ist eine bilanzpolitische Entscheidung — typischerweise:
- Standardpreis (S) für Halbfertig-/Fertigerzeugnisse aus Eigenproduktion und für Materialien, deren Einkaufspreise stabil sind
- Gleitender Durchschnittspreis (V) für Rohstoffe und Handelswaren, deren Einkaufspreise stark schwanken
S4500 fokussiert in Kapitel 4 Lektion 4 + Übung 14 auf das Standardpreis-Szenario, weil dort die Buchungslogik am klarsten sichtbar ist.
Standardpreis-Szenario — Schritt für Schritt
Aus S4500 (Abbildungen 68-70): das offizielle Beispiel zur Materialbewertung mit Preissteuerung S.
Ausgangssituation (Abbildung 68)
Materialstammsatz Bewertungsdaten:
- Anfangsbestand: 100 Stück
- Gesamtwert: 200,00 €
- Standardpreis: 2,00 € pro Stück
Geplant: Wareneingang von 100 Stück à 2,40 € (Bestellpreis), danach Rechnungseingang von 100 Stück à 2,20 € (Rechnungspreis).
Wareneingang buchen (Abbildung 69)
Nach dem Wareneingang werden im Materialstammsatz folgende Werte fortgeschrieben:
- Bestand: 200 (war 100 + neue 100)
- Gesamtwert: 400,00 € (war 200 + neue 200 zum Standardpreis)
- Standardpreis: bleibt 2,00 € — DAS ist der Charakter von S
Wichtige Aussage aus dem Buch (Seite 146): „Beim Wareneingang werden im Materialstammsatz die Bestandsmenge und der Bestandswert fortgeschrieben. Das Bestandskonto und infolgedessen der Bestandswert werden mit dem Betrag ‚Wareneingangsmenge × Standardpreis' fortgeschrieben. Auf das WE/RE-Verrechnungskonto wird der Betrag ‚Wareneingangsmenge × Bestellpreis' gebucht. Die Differenz zwischen Bestellpreis und Standardpreis wird auf das Preisdifferenzenkonto gebucht."
Konkret in den FI-Konten (Buchhaltungsbeleg):
- Bestandskonto: +200 (= 100 Stück × 2,00 € Standardpreis)
- WE/RE-Verrechnungskonto: +240 (= 100 Stück × 2,40 € Bestellpreis)
- Aufwand aus Preisdifferenzen: +40 (= Differenz 2,40 - 2,00 € × 100 Stück)
Du siehst: das Bestandskonto bewegt sich nur mit dem Standardpreis, nie mit dem Bestellpreis. Das ist der Kerngedanke der S-Steuerung.
Rechnungseingang buchen (Abbildung 70)
Nach Buchung des Rechnungseingangs (100 Stück à 2,20 € statt der bestellten 2,40 €):
- Bestand: bleibt 200 (Rechnung ändert die Menge nicht)
- Gesamtwert: bleibt 400,00 €
- Standardpreis: bleibt 2,00 €
Aus dem Buch: „Beim Buchen des Rechnungseingangs wird das WE/RE-Verrechnungskonto mit dem Bestellpreis ausgeglichen. Das Kreditorenkonto wird zum Rechnungspreis fortgeschrieben. Die Differenz zwischen Bestellpreis und Rechnungspreis wird auf das Konto ‚Ertrag aus Preisdifferenzen' gebucht. Eine Änderung des Gesamtbestandswerts erfolgt nicht."
Konkret in den FI-Konten:
- WE/RE-Verrechnungskonto: -240 (Ausgleich des Wareneingangs zum Bestellpreis)
- Lieferantenkonto (Kreditor): +220 (= 100 × 2,20 € Rechnungspreis)
- Ertrag aus Preisdifferenzen: +20 (= Differenz 2,40 - 2,20 € × 100 Stück)
Aus dem Beispiel ergeben sich also zwei verschiedene Preisdifferenzen-Konten: Aufwand aus Preisdifferenzen beim Wareneingang (Bestellpreis > Standardpreis) und Ertrag aus Preisdifferenzen beim Rechnungseingang (Rechnungspreis < Bestellpreis). In der Praxis sind das oft Sachkonten 520xxxx bzw. 521xxxx aus dem deutschen SKR03/04.
Das WE/RE-Verrechnungskonto — der zentrale Mittler
Das WE/RE-Verrechnungskonto (auch GR/IR-Account auf Englisch) ist eines der wichtigsten Konten in der MM-Bewertung. Seine Funktion:
- Beim Wareneingang wird der Bestellpreis × Menge dort gebucht (Haben-Position)
- Beim Rechnungseingang wird derselbe Betrag wieder ausgeglichen (Soll-Position)
- Solange Wareneingang gebucht aber Rechnung noch nicht eingegangen ist, hat das Konto einen offenen Saldo — das sind noch nicht abgerechnete Wareneingänge
- Solange Rechnung gebucht aber Ware noch nicht eingegangen ist, ebenfalls ein offener Saldo (umgekehrtes Vorzeichen) — noch nicht eingegangene Lieferungen
Das Konto ist Bilanz-relevant und wird zum Bilanzstichtag analysiert: was ist alt unverrechnet, was ist regulär, wo gibt's offene Posten zum Klären.
Konkretes Übungsbeispiel — Feuerlöscher E500-##
Aus S4500 Übung 14 „Wareneingang und Rechnungseingang für ein Material mit Standardpreis-Steuerung buchen": ein praktisches End-to-End-Beispiel.
Ausgangsdaten (Materialstammsatz Sicht „Buchhaltung 1")
- Material: E500-## (Feuerlöscher)
- Werk: 1010 (Hamburg)
- Preissteuerung: S
- Gesamtbestand: 0 ST
- Standardpreis: 180,00 €
- Bestandswert: 0,00 €
Bestellpreis aus Übung 13 (Bestellung)
Der Bestellnettopreis aus dem Einkaufsinfosatz: 135 € je Stück (Bruttopreis 150 € − 10 % Rabatt RA01).
Wareneingang von 10 Stück
- Lieferant T-S50C##
- Lieferschein DN##02
- Werk/Lagerort: 1010/0001
- Bestandsart: Frei verwendbarer Bestand
Die Buchhaltung beim Wareneingang (Sachkonten aus Übung 14):
- 13600000 Bestand: +1.800 € (Soll, = 10 × 180 € Standardpreis)
- 21120000 WE/RE-Verrechnungskonto: -1.350 € (Haben, = 10 × 135 € Bestellpreis)
- 52541000 Preisdifferenzen: -450 € (Haben, = Differenz 180 − 135 = 45 € × 10 Stück)
Hier ist der Bestellpreis NIEDRIGER als der Standardpreis → Ertrag aus Preisdifferenzen (Haben-Buchung).
Preisfindung im Einkauf — wie der Bestellpreis entsteht
Die Preisfindung beim Anlegen eines Einkaufsbelegs läuft hierarchisch ab. Aus S4500 (Seite 136): „Wenn Sie einen Einkaufsbeleg anlegen, versucht das System einen Preis für das zu beschaffende Material vorzuschlagen. Dabei sucht das System immer ausgehend vom Speziellen hin zum Allgemeinen."
Wichtige Ausnahme: „In der Bestellung wird nicht der Bewertungspreis aus dem Materialstammsatz als Bestellpreis vorgeschlagen."
Die Such-Reihenfolge laut Buch:
- Beim Anlegen einer Bestellung sucht das System zunächst nach einem Infosatz zur Kombination Lieferant/Material auf der Ebene von Einkaufsorganisation/Werk.
- Gibt es keine speziellen Daten für die Kombination Einkaufsorganisation/Werk, wird auf der Ebene der Einkaufsorganisation gesucht.
- Wenn auf dieser Ebene ebenfalls keine Daten vorhanden sind, müssen Sie den Preis manuell eingeben.
Aus dem Buch (Abbildung 63): „Existiert ein Einkaufsinfosatz, so haben gültige Konditionen bei der Preisermittlung Vorrang. Enthält ein Infosatz keine oder nur ungültige Konditionen, so liest das System im Infosatz die Nummer des letzten Einkaufsbelegs und schlägt den Preis aus diesem Beleg vor."
Weil das Thema eng mit der Bezugsquellenfindung verknüpft ist, lies bei Bedarf auch unseren Artikel Bezugsquellenfindung in SAP MM: Infosatz, Orderbuch, Rahmenverträge.
Was Anwender konkret im Job tun
Die Preissteuerung (S oder V) und die Konfiguration der Bewertungs-Sachkonten ist Aufgabe des Customizings und der Buchhaltung — nicht des einzelnen MM-Anwenders. Aber als Einkäufer oder Disponent siehst du die Wirkung jeden Tag:
- Wenn du einen Wareneingang buchst, sind die Buchhaltungs-Buchungen automatisch — du musst nichts tun, das System rechnet.
- Wenn du eine Rechnung mit Abweichung bekommst (z.B. höherer Preis als bestellt), siehst du im Rechnungsbeleg die Preisdifferenz, die das System auf das entsprechende Konto bucht.
- Wenn ein Material plötzlich einen komischen Bestandswert hat, lohnt sich der Blick in die Materialbeleg-Übersicht und den verknüpften Buchhaltungsbeleg.
- Wenn ein WE/RE-Saldo über lange Zeit offen bleibt, ist das ein Indikator für nicht eingegangene Lieferungen oder fehlende Rechnungen — typische Aufgabe für Periodenabschluss-Klärung.
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