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SAP Wareneingang mit MIGO — Bestandsarten, Buchungen und Belege in S/4HANA

MBAutor: Mario Bahunek — SAP-zertifizierter Trainer
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Der LKW deines Lieferanten steht an der Rampe, auf der Palette liegen 40 Axialventilatoren, und der Fahrer drückt dir den Lieferschein in die Hand. Was jetzt im System passiert, entscheidet darüber, ob dein Bestand stimmt, ob die Buchhaltung korrekte Werte sieht und ob die Rechnungsprüfung später sauber durchläuft: der Wareneingang. Kaum ein Prozessschritt wird in der SAP MM Anwenderzertifizierung (UC_MM_S42023) so intensiv abgefragt — von der Bewegungsart über die Bestandsarten bis zur Frage, welche Belege das System eigentlich erzeugt.

SAP Wareneingang zur Bestellung mit MIGO: Bewegungsart 101 erzeugt Materialbeleg und Buchhaltungsbeleg, Sollbuchung auf dem Bestandskonto, Habenbuchung auf dem WE/RE-Verrechnungskonto
Der bewertete Wareneingang zur Bestellung: zwei Belege, zwei Konten.

In diesem Artikel lernst du:

  • wo der Wareneingang im Beschaffungsprozess steht und warum er zwei Welten verbindet
  • wie du einen Wareneingang mit der Transaktion MIGO oder der Fiori-App buchst
  • welche drei Bestandsarten es gibt und was der Qualitätsprüfbestand wirklich bedeutet
  • welche Belege beim Buchen entstehen und welche Konten bebucht werden
  • wann ein Wareneingang unbewertet erfolgt — und welcher Distraktor bei der Mehrfachkontierung lauert
  • wie du mit Überlieferungen, Teillieferungen und dem Endlieferungskennzeichen umgehst

Wo der Wareneingang im Beschaffungsprozess steht

Im Kern besteht die Belegkette der Fremdbeschaffung in SAP S/4HANA aus vier Belegen: Bestellanforderung → Bestellung → Wareneingang → Rechnungsprüfung. Der vollständige Beschaffungszyklus umfasst mehr Phasen — von der Bezugsquellenfindung über die Bestellüberwachung bis zur Zahlung; die ausführliche Übersicht über die gesamte Kette findest du im Artikel zum Procure-to-Pay-Prozess. Der Wareneingang ist dabei der Moment, in dem aus einer offenen Bestellung physischer Bestand wird.

Das Besondere: Der Wareneingang verbindet die Logistik mit dem Rechnungswesen. Mit einer einzigen Buchung erhöhst du die Bestandsmenge im Lager und den Bestandswert in der Finanzbuchhaltung. Genau deshalb dreht sich in der Zertifizierungsprüfung so viel um diesen Schritt — er ist die Nahtstelle zwischen Menge und Wert.

Wichtig für die Abgrenzung: Dieser Artikel behandelt den Wareneingang aus Sicht der Bestandsführung in MM, also auf Ebene von Werk und Lagerort. Wie ein Wareneingang innerhalb eines dezentral geführten Lagers mit Lagerplätzen und Lageraufgaben abläuft, liest du im Artikel zu Wareneingang und Warenausgang in SAP EWM.

Wareneingang buchen: MIGO und die Fiori-App

Für das Buchen von Warenbewegungen gibt es in S/4HANA die zentrale Einbildtransaktion MIGO. Sie bündelt Wareneingänge, Warenausgänge, Rücklieferungen, Umbuchungen und Stornos in einer Oberfläche. Im Fiori Launchpad steht dir alternativ die App "Wareneingang zu Einkaufsbeleg buchen" zur Verfügung — die Logik im Hintergrund ist identisch.

Der typische Ablauf beim Wareneingang zur Bestellung:

  • Vorgang und Referenz wählen: In MIGO wählst du den Vorgang Wareneingang mit Referenz auf die Bestellung. Das System zieht alle offenen Positionen als Vorschlagswerte — Material, Menge, Werk und Lagerort musst du nicht neu eintippen.
  • Lieferscheinnummer erfassen: Die Nummer vom Papierlieferschein trägst du im Kopf ein. Sie ist später ein wichtiges Suchkriterium — zum Beispiel, wenn die Rechnungsprüfung eine Rechnung über die Lieferscheinnummer zuordnen will.
  • Mengen prüfen: Weicht die gelieferte Menge von der bestellten ab, korrigierst du die Vorschlagsmenge.
  • Bewegungsart kontrollieren: Für den Wareneingang zur Bestellung in den Lagerbestand steht die Bewegungsart standardmäßig auf 101.
  • Buchen: Mit dem Sichern erzeugt das System die Belege und schreibt Bestand und Bestellhistorie fort.

Die Bewegungsart ist dabei der heimliche Steuermann: Der dreistellige Schlüssel legt fest, wie sich Bestandsmenge und Bestandswert verändern, welche Konten in der Finanzbuchhaltung gefunden werden und welche Felder auf dem Bildschirm erscheinen. Musst du einen fehlerhaft gebuchten Wareneingang zurücknehmen, stornierst du den Materialbeleg — das System verwendet dafür die zugehörige Stornobewegungsart 102.

Die drei Bestandsarten: frei verwendbar, Qualitätsprüfung, gesperrt

Beim Buchen entscheidest du, in welche Bestandsart die Ware geht. Die Bestandsführung kennt drei Bestandsarten, die angeben, wie verwendbar ein Bestand ist:

Bestandsart Bedeutung Typischer Einsatz
Frei verwendbarer Bestand uneingeschränkt verwendbar für Verbrauch, Produktion und Verkauf Standardfall bei unkritischen Materialien
Qualitätsprüfbestand physisch vorhanden, aber bis zur Prüfentscheidung nicht entnehmbar Ware muss erst durch die Qualitätskontrolle
Gesperrter Bestand nicht verwendbar, z. B. wegen erkennbarer Mängel beschädigte Lieferung, Klärungsfälle

Ein Klassiker in Prüfungsfragen ist die genaue Formulierung: Es heißt frei verwendbarer Bestand — nicht "frei verfügbarer" Bestand. Solche feinen Unterschiede nutzen Fragensteller gern als Distraktor. Ebenfalls beliebt: Beim Wareneingang zur Standardbestellung kannst du in genau diese drei Bestandsarten buchen — reservierter Bestand ist keine Bestandsart, sondern entsteht durch Reservierungen.

Den Überblick über alle Bestände eines Materials verschaffst du dir mit der Bestandsübersicht (Transaktion MMBE): Sie zeigt dir je Werk und Lagerort, welche Mengen frei verwendbar, in Qualitätsprüfung oder gesperrt sind.

Der Qualitätsprüfbestand im Detail

Beim Qualitätsprüfbestand lohnt sich ein genauer Blick, denn hier steckt eine Nuance, die in der Prüfung regelmäßig abgefragt wird: Über den Qualitätsprüfbestand kannst du physisch erst verfügen, nachdem er in den frei verwendbaren Bestand umgebucht wurde. Dispositiv — also für die Planung — kann der Qualitätsprüfbestand aber bereits verfügbar sein. Die Disposition weiß ja, dass die Ware im Haus ist und nach erfolgreicher Prüfung verwendet werden kann.

Die Freigabe aus dem Qualitätsprüfbestand in den frei verwendbaren Bestand ist übrigens ein Beispiel für eine Umbuchung: Die Ware bleibt liegen, nur ihre Qualifikation ändert sich. Davon zu unterscheiden ist die Umlagerung, bei der Bestand tatsächlich bewegt wird — etwa von Werk zu Werk. Umlagerungen können im Einschrittverfahren (eine Buchung, sofort am Ziel) oder im Zweischrittverfahren (Warenausgang an der abgebenden Stelle, Wareneingang an der empfangenden Stelle) erfolgen. Das Zweischrittverfahren hat den Vorteil, dass der Bestand "unterwegs" sichtbar bleibt.

Welche Belege entstehen — und was sich sonst noch ändert

Mit dem Buchen eines bewerteten Wareneingangs erzeugt das System zwei Belege:

  • einen Materialbeleg — er dokumentiert die Warenbewegung in der Logistik: Material, Menge, Werk, Lagerort, Bewegungsart
  • einen Buchhaltungsbeleg — er dokumentiert die wertmäßige Buchung auf den Sachkonten der Finanzbuchhaltung

Beide Belege gehören zusammen, sind aber eigenständige Belege mit eigenen Nummernkreisen — dasselbe Prinzip, das dir bei der Rechnungsprüfung mit Rechnungsbeleg und Buchhaltungsbeleg wieder begegnet.

Darüber hinaus löst der Wareneingang mit Bestellbezug eine ganze Kette von Folgewirkungen aus:

  • Das System prüft beim Erfassen, ob die Lieferung zur Bestellung passt — etwa ob das richtige Material und die richtige Menge geliefert wurden.
  • Die Bestellentwicklung (Bestellhistorie) wird fortgeschrieben: Sie listet zu jeder Bestellposition die bisher gebuchten Wareneingänge und Rechnungen auf.
  • Bestandsmenge und Bestandswert werden fortgeschrieben.
  • Auf Wunsch wird der Einkäufer informiert: Setzt du in der Bestellung das Kennzeichen "WE-Nachricht", erhält der Einkäufer beim Buchen des Wareneingangs automatisch eine Mitteilung.
  • Bei entsprechender Einstellung druckt das System einen Wareneingangsschein für die Lagerablage.

Die Buchungslogik: Bestandskonto und WE/RE-Verrechnungskonto

Schauen wir auf die Wertseite. Unser Beispiel: Du hast 40 Stück des Materials VENT-R12 zu je 75 EUR bestellt, der Lieferant liefert vollständig. Beim bewerteten Wareneingang zu dieser Lagermaterial-Bestellung bucht das System:

Sachkonto Bezeichnung Soll Haben
3001 Bestandskonto Handelswaren 3.000 EUR
4500 WE/RE-Verrechnungskonto 3.000 EUR

Das WE/RE-Verrechnungskonto (Wareneingang/Rechnungseingang) wird beim Wareneingang mit "Menge × Bestellpreis" im Haben bebucht und hält fest: Ware ist da, Rechnung fehlt noch. Erst die Rechnungsprüfung gleicht das Konto wieder aus — stimmen berechnete und gelieferte Menge überein, wird es beim Rechnungseingang in voller Höhe ausgeglichen. Wie das genau funktioniert, liest du im Artikel zur Rechnungsprüfung mit MIRO und dem 3-Way-Match.

Eine Feinheit gehört hierher, weil sie gern abgefragt wird: Welcher Betrag auf dem Bestandskonto landet, hängt von der Preissteuerung des Materials ab. Beim gleitenden Durchschnittspreis (V) wird der Zugang mit dem Bestellpreis bewertet, der Durchschnittspreis im Materialstamm passt sich an. Beim Standardpreis (S) wird der Bestand immer zum festen Standardpreis fortgeschrieben — weicht der Bestellpreis ab, bucht das System die Differenz auf ein Preisdifferenzkonto. Die Details zu beiden Verfahren findest du im Artikel zur Materialbewertung in SAP MM.

Bewerteter vs. unbewerteter Wareneingang

Nicht jeder Wareneingang erzeugt sofort eine Buchung im Rechnungswesen. In der Bestellposition findest du auf der Registerkarte "Lieferung" das Kennzeichen "WE-unbewertet". Ist es gesetzt, gilt:

  • Die Bestellposition wird erst beim Rechnungseingang bewertet — zum Zeitpunkt des Wareneingangs findet keine Buchung im Rechnungswesen statt.
  • Beim Buchen des Wareneingangs entsteht deshalb nur ein Materialbeleg, kein Buchhaltungsbeleg.
  • Bei einem unbewerteten Wareneingang für ein Verbrauchsmaterial wird das Verbrauchskonto erst beim Buchen der Rechnung belastet — die Gegenbuchung erfolgt dann direkt auf das Kreditorenkonto, ein WE/RE-Verrechnungskonto wird nicht benötigt.

Das Kennzeichen kann nur für kontierte Bestellpositionen gesetzt werden — also für Positionen, deren Wert direkt auf ein Kontierungsobjekt wie eine Kostenstelle gebucht wird. Ein beliebter Prüfungs-Distraktor lauert bei der Mehrfachkontierung (der Positionswert verteilt sich auf mehrere Kontierungsobjekte): Hier sei angeblich nur der unbewertete Wareneingang möglich. Das stimmt nicht — auch bei mehrfach kontierten Positionen kann in S/4HANA ein bewerteter Wareneingang gebucht werden; der unbewertete Wareneingang ist nicht zwingend.

Überlieferung, Teillieferung, Endlieferung: wenn die Menge nicht passt

In der Praxis liefert der Lieferant selten exakt die bestellte Menge. SAP regelt das über Toleranzen und Kennzeichen in der Bestellposition:

  • Überlieferungstoleranz: Du hast 200 kg eines Rohstoffs bestellt, der Lieferant liefert 250 kg? Damit der Wareneingang gebucht werden kann, muss in der Bestellposition eine Überlieferungstoleranz von 25 % zugelassen sein. Ohne Toleranz weist das System die Mehrmenge ab.
  • Unterlieferungstoleranz: Sie legt fest, welche Mindermenge noch als vollständige Lieferung akzeptiert wird. Eine Unterschreitung darunter behandelt das System als Teillieferung.
  • Endlieferungskennzeichen: Liefert der Lieferant die Restmenge einer teilbelieferten Bestellung nicht mehr — etwa weil 138 von 150 bestellten Monitoren ankommen und der Rest entfällt —, schließt du die Position ab, indem du das Kennzeichen "Endlieferung" setzt oder die Bestellmenge auf die gelieferte Menge reduzierst. Sonst bleibt die Position für Disposition und Bestellüberwachung dauerhaft offen.

Eine Abrundung noch: Nicht jeder Beschaffungsprozess endet mit Wareneingang und Rechnung. Bei der Lieferantenkonsignation bleibt die Ware nach dem Wareneingang Eigentum des Lieferanten — eine Verbindlichkeit entsteht erst mit der Entnahme aus dem Konsignationslager, eine klassische Einzelrechnung zur Lieferung gibt es nicht. Auch die Umlagerungsbestellung zwischen zwei Werken desselben Unternehmens endet mit dem Wareneingang, denn intern wird keine Lieferantenrechnung gestellt.

Warum der Wareneingang prüfungsrelevant ist

Im offiziellen Leitfaden zur UC_MM_S42023 gehört die Bestandsführung mit dem Wareneingang zu den Kernthemen — die Fragen verteilen sich quer über Bewegungsarten, Bestandsarten, Belege und die Buchungslogik. Typische Fragestellungen, denen du in der Prüfung begegnen kannst:

  • Frage: Welche Belege erzeugt das System beim bewerteten Wareneingang zu einer Bestellung? (Einen Materialbeleg und einen Buchhaltungsbeleg)
  • Frage: In welche Bestandsarten kannst du einen Wareneingang zur Standardbestellung in den eigenen Werksbestand buchen? (Frei verwendbarer Bestand, Qualitätsprüfbestand, gesperrter Bestand)
  • Frage: Du findest in der Bestandsübersicht MMBE eine große Menge im Qualitätsprüfbestand — kannst du darüber verfügen? (Physisch erst nach Umbuchung in den frei verwendbaren Bestand; dispositiv kann der Bestand aber bereits verfügbar sein)
  • Frage: Was steuert das Kennzeichen "WE-unbewertet" in der Bestellposition? (Die Bestellposition wird erst beim Rechnungseingang bewertet)
  • Frage: Ist bei mehrfach kontierten Bestellpositionen nur der unbewertete Wareneingang möglich? (Nein — auch ein bewerteter Wareneingang ist möglich; der unbewertete Wareneingang ist nicht zwingend)
  • Frage: Welches Konto wird beim bewerteten Wareneingang im Haben bebucht, wenn Lagermaterial zur Bestellung eingeht? (Das WE/RE-Verrechnungskonto)
  • Frage: Du hast 200 kg bestellt, angeliefert werden 250 kg — was muss in der Bestellung gepflegt sein, damit der Wareneingang buchbar ist? (Eine Überlieferungstoleranz von 25 %)
  • Frage: Wie schließt du eine teilbelieferte Bestellposition ab, wenn die Restmenge nicht mehr geliefert wird? (Endlieferungskennzeichen setzen oder die Bestellmenge auf die Liefermenge reduzieren)

Auffällig ist das Muster: Die Prüfung fragt selten "Wie buchst du einen Wareneingang?", sondern fast immer "Was passiert dabei im System?". Wer die Belegstruktur, die Kontenlogik und die Bestandsarten sicher beherrscht, sammelt hier verlässlich Punkte.

Fazit

Der Wareneingang ist mehr als "Ware annehmen und abhaken": Er prüft die Lieferung gegen die Bestellung, erzeugt Material- und Buchhaltungsbeleg, schreibt Bestände, Werte und die Bestellentwicklung fort und stellt über das WE/RE-Verrechnungskonto die Verbindung zur Rechnungsprüfung her. Mit den drei Bestandsarten steuerst du, wie verwendbar die Ware ist — und mit Toleranzen und Endlieferungskennzeichen hältst du deine Bestellungen sauber. Wer diese Zusammenhänge verstanden hat, beherrscht eine der wichtigsten Nahtstellen zwischen Logistik und Rechnungswesen.

Im SAP MM Modul auf sapprep.de findest du 278 simulierte Übungsfragen — viele davon genau zu Wareneingang, Bestandsarten und Buchungslogik, mit ausführlichen Erklärungen auf Basis der offiziellen SAP-Schulungsunterlagen.

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