SAP EWM Kommissionierstrategien — Pick-by-Voice, Pick-by-Light, Pick-by-Scan und Wave-Picking erklärt
Die Kommissionierung ist im SAP EWM der Engpass schlechthin: Hier entscheidet sich, ob ein Lager pro Tag 5.000 oder 50.000 Picks schafft, ob Kommissionierfehler unter einem Prozent bleiben und ob Saisonspitzen ohne zusätzliches Personal abgefangen werden können. Genau deshalb ist das Verständnis der SAP EWM Kommissionierstrategien sowohl in der täglichen Beratung als auch in der SAP EWM Zertifizierung (UC_EWM_S42023) ein Pflichtthema. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Strategien — von Pick-by-Voice über Pick-by-Light bis hin zu Wave- und Batch-Picking — und zeigt, wie sie mit Lageraufgaben, Lageraufträgen und der Lagerprozessart zusammenspielen.
Was bedeutet Kommissionierung im SAP-EWM-Kontext?
Kommissionierung ist im EWM nicht einfach „Ware aus dem Regal nehmen", sondern ein hochstrukturierter, mehrstufiger Prozess. Ausgangspunkt ist in der Regel ein Auslieferungsauftrag (Outbound Delivery Order). Aus der Lageranforderung entstehen über die Lagerprozessart Lageraufgaben (Warehouse Tasks). Mehrere Lageraufgaben werden anschließend nach Lagerauftragserstellungsregeln zu Lageraufträgen gruppiert — primär auf Basis von Aktivitätsbereichen.
Erst auf dieser Ebene kommen die Kommissionierstrategien ins Spiel: Sie bestimmen, wie der Mitarbeiter im Lager die Lageraufgabe erhält und ausführt — per Sprachansage, Lichtsignal, Scanner oder Datenbrille.
Pick-by-Voice — sprachgesteuerte Kommissionierung
Beim sprachgeführten Kommissionieren ist der Mitarbeiter mit einem Headset ausgestattet und trägt einen mobilen Voice-Client (z. B. am Gürtel). Statt einen Bildschirm zu lesen, hört er die nächste Aufgabe — Gangbezeichnung, Lagerplatz und Entnahmemenge werden ihm der Reihe nach vorgesprochen. Bestätigt wird per Stimme, in der Regel über eine am Regal angebrachte Kontrollziffer, die er laut zurückliest.
Aus EWM-Sicht setzt das Verfahren auf dem RF-Framework auf: Eine vorgeschaltete Voice-Lösung wandelt die regulären RF-Dialogbilder in gesprochene Anweisungen und überträgt die gesprochenen Quittungen wieder als Standardeingaben an das EWM zurück.
- Stärken: Beide Hände frei, hohe Geschwindigkeit, geringe Fehlerquote, gute Ergonomie
- Schwächen: Hohe Initialkosten, Sprachtraining nötig, lärmempfindlich, begrenzte Datenmenge
- Typischer Einsatz: Tiefkühl, Schwergut, Lebensmittel
Pick-by-Light — Kommissionierung über Lichtsignale
Hinweis: „Pick-by-Light" ist ein in der Intralogistik etablierter Branchenbegriff und kein offizieller Terminus aus den SAP-EWM-Schulungsunterlagen.
Bei Pick-by-Light wird an jedem relevanten Lagerplatz eine kleine Anzeige- und Quittiereinheit (Display plus Leuchtdiode) montiert. Steht für diesen Platz ein Pick an, beginnt die Diode zu blinken, das Display zeigt die zu entnehmende Menge an und der Mitarbeiter bestätigt die Entnahme über eine Quittiertaste. In der Auslagerung am Sammelplatz wird häufig zusätzlich mit Put-to-Light gearbeitet — dabei führt das Lichtsignal das Einsortieren in die korrekten Auftragsbehälter.
- Stärken: Extrem schneller Sichtkontakt, sehr fehlerarm, geringer Schulungsaufwand
- Schwächen: Sehr hohe Hardware-Investition, geringe Flexibilität, nur für statische Lagerplätze
- Typischer Einsatz: Schnelldreher-Zone, Pharma, Kosmetik, E-Commerce mit konstantem Sortiment
Pick-by-Scan — der EWM-Standard mit RF-Geräten
Pick-by-Scan stellt im EWM die Standardausprägung der Kommissionierung dar. Gearbeitet wird mit einem mobilen Endgerät — Handheld-Scanner, Pistolengriff-MDE oder Stapler-Terminal —, das per WLAN über das RF-Framework an das EWM angebunden ist. Im RF-Framework sind eine Reihe von Funktionstasten bereits mit Standardaktionen belegt; geläufig sind unter anderem F5 für „Mehr" (weitere Optionen einblenden), F6 für „Zurücksetzen" und F7 für „Zurück". So muss der Anwender weder Navigationspfade auswendig lernen, noch wiederkehrende Aktionen frei eintippen.
- Stärken: Höchste Flexibilität, volle EWM-Standardintegration, detaillierte Bildschirminhalte
- Schwächen: Eine Hand für das Gerät blockiert, Blickwechsel kostet Zeit
- Typischer Einsatz: Allrounder, chaotische Lagerung, gemischte Sortimente
Pick-by-Vision — AR-Brille und smarte Datenbrillen
Pick-by-Vision ist die jüngste Strategie und nutzt Augmented-Reality-Brillen. Die Brille blendet dem Mitarbeiter die Lageraufgabe direkt ins Sichtfeld ein, navigiert ihn ggf. zum Lagerplatz und liest Barcodes über die integrierte Kamera. Die Quittung erfolgt per Sprache, Geste oder Tastendruck. Vorteile: Hands-free wie Voice, mit visuellen Möglichkeiten wie Scan. Nachteile: hoher Preis, Tragekomfort, Datenschutz.
Wave-Picking — die Welle als zeitliche Klammer
Wave-Picking ist im EWM keine eigene Pick-Technik, sondern eine übergeordnete Steuerungsstrategie. Eine Welle gruppiert Lageranforderungspositionen, damit Lageraufgaben gebündelt und effizient angelegt werden können. Wellen entstehen automatisch (Wave Templates + Konditionstechnik) oder manuell. Erst mit der Wellenfreigabe entstehen Lageraufgaben und Lageraufträge.
Batch-Picking und Zone-Picking
- Batch-Picking: Ein Kommissionierer pickt mehrere Aufträge in einem Rundgang. Vorteil: weniger Wegzeit. Nachteil: Konsolidierungsaufwand.
- Zone-Picking: Das Lager wird in Zonen aufgeteilt, jeder Kommissionierer arbeitet nur in seiner Zone. Im EWM bildet sich Zone-Picking über Aktivitätsbereiche und entsprechende Lagerauftragserstellungsregeln ab.
Vergleichstabelle der Kommissionierstrategien
| Strategie | Technik | Stärken | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| Pick-by-Voice | Headset, Voice-Computer | Hände frei, schnell, ergonomisch | Tiefkühl, Schwergut |
| Pick-by-Light | Display + Leuchte je Lagerplatz | Sehr schnell, sehr fehlerarm | Schnelldreher-Zone, Pharma |
| Pick-by-Scan | MDE-Scanner, RF-Framework | Maximale Flexibilität, EWM-Standard | Allrounder, chaotische Lagerung |
| Pick-by-Vision | AR-Datenbrille | Hände frei + visuell | Automotive, Pharma, Spezialprozesse |
| Wave-Picking | Welle als Steuerungsklammer | Bündelung, „so spät wie möglich"-Prinzip | E-Commerce, Tagesabschluss-Picks |
| Batch-Picking | Mehrere Aufträge in einem Rundgang | Weniger Wegzeit | Kleinteile, viele Kleinaufträge |
| Zone-Picking | Aufteilung in Aktivitätsbereiche | Parallelisierung, kurze Wege je Picker | Große Lager, breites Sortiment |
Warum Kommissionierstrategien prüfungsrelevant sind
In den SAP-EWM-Zertifizierungen tauchen Kommissionierstrategien in mehreren Kontexten auf: Lagerausführung (RF-Framework), Warenausgang (Wellenmanagement, Pick-HUs), Lagerstruktur (Aktivitätsbereiche, Lagerprozessarten), Ressourcenmanagement (Queues, Ausnahmecodes). Wer die Strategien nicht nur namentlich kennt, sondern auch ihre Integration in das RF-Framework versteht, hat in der Prüfung einen klaren Vorteil.
Sechs typische Prüfungsfragen im UC_EWM-Stil
Frage 1: Welche Objekte werden in SAP EWM in einer Welle gruppiert? (1 richtige Antwort)
A) Lageraufgaben — B) Lageraufträge — C) Lageranforderungspositionen — D) Ressourcen
Richtig: C. Lageraufträge und Lageraufgaben entstehen erst nach der Wellenfreigabe.
Frage 2: Wie entstehen Wellen in SAP EWM? (2 richtige Antworten)
A) Automatisch, wenn eine Produktionsmaterialanforderung erstellt wird — B) Manuell im Versandcockpit — C) Automatisch, wenn eine Lageraufgabe erstellt wird und eine passende Wellenvorlage greift — D) Automatisch beim Anlegen des Auslieferungsauftrags
Richtig: B und C.
Frage 3: Wie kann eine Kommissionier-Handling-Unit (Pick-HU) angelegt werden? (2 richtige Antworten)
A) Manuell über ein mobiles RF-Gerät — B) Automatisch basierend auf Konfigurationseinstellungen — C) Automatisch beim Quittieren einer Lageranforderung — D) Manuell in einem Bausatz-Prozess
Richtig: A und B.
Frage 4: Welches Steuerungsobjekt legt fest, wie eine Lageraufgabe im EWM abgearbeitet wird? (1 richtige Antwort)
A) Die Lagerauftragserstellungsregel — B) Die Lagerprozessart — C) Das Einlagerungssteuerungskennzeichen — D) Der gewählte Lagertyp
Richtig: B. Über die Lagerprozessart wird festgelegt, mit welcher logischen Verarbeitung — von der Ermittlung der Folgeschritte bis zur Quittierung — eine Lageraufgabe durchlaufen wird.
Frage 5: Welche Folgeaktivitäten werden angestoßen, wenn ein Benutzer auf einem RF-Bild einen Ausnahmecode eingibt? (3 richtige Antworten)
A) Eine Pick-by-Voice-Aufgabe wird angelegt — B) E-Mail-Benachrichtigungen werden angestoßen — C) Kommissionierzurückweisung wird akzeptiert, nächste Aufgabe wird vorgeschlagen — D) Ein Bericht wird übermittelt — E) Automatischer Lagerplatznachschub wird angestoßen
Richtig: B, C und E.
Frage 6: Welche Funktionstasten sind im RF-Framework von SAP EWM standardmäßig mit einer Aktion belegt? (3 richtige Antworten)
A) F9 (Pause) — B) F7 (Zurück) — C) F3 (Beenden) — D) F6 (Zurücksetzen) — E) F5 (Mehr)
Richtig: B, D und E. F5 (Mehr), F6 (Zurücksetzen) und F7 (Zurück) gehören zu den SAP-seitig vorbelegten Standardtasten; F3 und F9 sind in dieser Form nicht vorkonfiguriert.
Fazit — die richtige Strategie ist eine Frage des Profils
Es gibt nicht die beste Kommissionierstrategie im SAP EWM. Pick-by-Voice glänzt im Tiefkühl- oder Schwergutlager, Pick-by-Light bei kompakten Schnelldreher-Sortimenten, Pick-by-Scan bleibt das robuste Allround-Werkzeug, und Pick-by-Vision wächst dort, wo komplexe Informationen freihändig konsumiert werden müssen. Wave-, Batch- und Zone-Picking sind die organisatorischen Hebel, die diese Techniken erst richtig wirksam machen.
Für die Zertifizierung gilt: Wer die Begriffsabgrenzung sauber im Kopf hat, das RF-Framework versteht und weiß, dass die Lagerprozessart die Lageraufgabe steuert, während die Lagerauftragserstellungsregeln die Aufgaben über Aktivitätsbereiche zu Aufträgen bündeln, kommt durch nahezu jede Kommissionier-Frage.
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